07.05.2014
Es gibt sie noch, diese Momente, in denen man glaubt, dass die Zeit stehen geblieben ist.
Ich bringe ja zur Zeit mit einem Freund meinen Bauwagen in Düsseldorf wieder in Schuß. Wir kommen auch gut voran, davon mehr in einem weiteren Blogeintrag.
Jedenfalls war heute schon die Zeit, die Elektroinstallation anzugehen.
Seit 20 Jahren bin ich Kunde bei der Elektrogroßhandlung Dieter R., und so bin ich auch heute wieder dorthin gefahren. Um Kabel, Schalter, Taster und Steckdosen zu kaufen.
Dieter R., ein Mann Ende 60, trägt ein silbergraues Toupet, unter dem die letzten, deulich weißeren Haare hervorlugen. Kariertes Hemd, kleiner Bauch, auf dem, mit einem Gürtel gehalten, eine graue Stoffhose sitzt, so steht hinterm Tresen in seinem Großhandel. Zu dem gelangt man durch eine Toreinfahrt von einer belebten Düsseldorfer Durchgangsstraße. Man öffnet im Hinterhof eine Tür und steht in einem viel zu kleinem Verkaufsraum. Ein fünf Meter langer Tresen stoppt nach bereits zwei Metern das Vorankommen. Verschiedene Werkzeuge hängen im Hintergrund zur Veranschaulichung auf Lochtafeln an der Wand, mehrere Schautafeln zeigen die verschiedenen Designs der Schalter, Taster und Steckdosen. Eine Firma, die Antennenzubehör verkauft, stellt die verschiedenen Möglichkeiten der Hausverkabelung anschaulich auf einer weiteren Tafel dar. Es beschleicht mich ein Gefühl aus der Kindheit, ich erinnere mich, wie ich als Kind mit der Milchkanne losgeschickt wurde, um in Tante Ännes Laden lose Milch zu kaufen. Anmutig wie in den 60er Jahren bei Frau Änne stehe im Großhandel von Dieter R. Ware sieht man nicht, man weiß, was man kaufen will.
Dieter R betreibt seinen Großhandel mit seinem Sohn, der nur unwesentlich anders gekleidet, vielleicht nicht ganz so spießig, mit Lederweste über seinem Hemd, zu seiner fast-Glatze steht und auf ein Toupet verzichtet.
Beide bewegen sich in absoluter Gelassenheit und Ruhe. Jede Bewegung sitzt, jeder Schritt hat in jahrzehnter langen Routine eingeschliffen. Kein Wort zuviel kommt über ihre Lippen. Fast könnte man meinen, sie seien mürrisch, aber nein, jede Frage, auch eine solche, die einen als Hobby-Elektriker outet, wird freundlich und zuvorkommend beantwortet. Den Zettel, auf den sich Dieter R. meine Bestellung notiert hat, braucht er nicht. Er sortiert nur anders. Ich bestelle einen Schalter, aber für Dieter R besteht ein Schalter aus drei Teilen: Dem eigentlichen Schalter, der Wippe und dem Rahmen. Das muss er sich natürlich getrennt aufschreiben, denn der Rahmen passt um Steckdose, Taster oder Schalter.
Ob ich Symbole auf den Wippen möchte. Ach ja, sage ich, das wäre schön. Da ich aber vorher nicht dran gedacht habe, muss ich überlegen. Fünf Wippen brauche ich, davon bitte ein Schlüsselsymbol für den Türöffner, zwei mit Lampensymbol für die Beleuchtung und zwei ohne Symbol. Dieter R zieht los und kommt nach einer gefühlten Ewigkeit mit allen gewünschten Dingen zurück.
Mir fällt ein, das ich meine Lichterkette um einige Lampen erweitern möchte. Ob er auch Illuminationsfassungen habe, frage ich vorsichtig. Wer bastelt sich heutzutage noch Lichterketten selber, denn nur dafür sind diese Illuminationsfassungen geeignet. Aber Dieter R. ignoriert meine Frage und antwort nur mit: „E14 oder E27?“ Ha, ich wusste gar nicht, dass es auch Illuminationsfassungen in E14 gibt… Also sage ich schnell: „E27“ – und schon dreht Dieter R ab, diesmal in die andere Richtung. Und es dauert auch etwas länger. Illuminationsfassungen werden wohl nicht allzu häufig nachgefragt. Dacht ich mir’s doch. Dieter R kommt mit hängenden Schultern und schlurfenden Gang zurück. Er sucht nun seinen Quittungsblock. Einen Computer sieht man im Verkaufsraum nicht. Er geht hin und her, hebt dicke Kataloge hoch, guckt unter Papierstapel. Sein Sohn ignoriert ihn völlig. Erst als Dieter R ihn fragt, ob er seinen Quittungsblock gesehen habe, greift er wie automatisch vor sich und fördert den Quittungsblock zu Tage und wirft ihm wortlos seinem Vater hin. Der nimmt ihn kommentarlos und beginnt jede einzelne Postion mit Bestellnummer handschriftlich auf den Block zu notieren. Nachdem er das mit absoluter Ruhe und Gelassenheit getan hat, greift er sich zwei dicke Kataloge, um noch die Preise heraus zu suchen, die er nicht im Kopf hat. Ich vermute, die Preise der Illuminationsfassungen E27. Mit 2,22 für zwei Stück sind sie erstaunlich preiswert. Die Wippen mit den Lichtsymbolen sind dagegen mit 7,04 erstaunlich teuer. Hätte ich das gewusst, hätte ich auf die Symbole verzichtet. Aber Dieter R jetzt noch mal loszuschicken um die billigeren Wippen zu holen, wäre unprofesionell. Schließlich bestellt man ja, was man braucht und entscheidet nicht an Hand des Preises. Wir sind ja nicht im Supermarkt. Eine Seite des Quittungsblocks reicht nicht. Er beginnt eine zweite Seite mit dem Wort „Übertrag“.
Der Verkaufsraum hat sich mittlerweile gefüllt. Er herrscht absolute Ruhe. Keiner der Kunden bewegt sich. Nichts könnte Dieter R. zu Eile antreiben. Er schreibt ordentlich, jedes Zeichen ist lesbar. Er hat alle Preise ermittelt und zieht den Tischrechner zu sich. Jede einzelne Zahl will eingetippt werden. Zwischensumme. Mehrwertsteuer. Skonto. Ich bin Barzahler. Aus der Vergangenheit weiß ich, dass ich mit EC-Karte zahlen kann. Aber ich werde unsicher. Wenn ich mich falsch erinnere und Bargeld brauche, was dann? Aber nein, er nimmt wortlos meine Karte, geht zum Ende des 5-m-Tresens und steckt die Karte in den Kartenleser. Ich folge ihm unaufgefordert und tippe meine Geheimzahl ein.
Dann fragt er noch nach meinem Namen und der Adresse. Die Summe übersteigt 150,00 , da verlangt das Finanzamt nach Firmenname und Adresse. Er schreibt es ohne Vornamen und ohne Postleitzahl auf den Quittungsblock. Offensichtlich verlangt das Finanzamt keinen Vornamen und keine Postleitzahl. Ich vertraue Herrn R. und verabschiede mich. Morgen fahre ich wieder hin, ich habe etwas vergessen. Ich freu mich drauf, der Einkauf bei Herrn R ist ein Erlebnis für sich. Und das alles läuft für mich seit 20 Jahren genauso ab. Für Dieter R wahrscheinlich schon seit 50 Jahren…

















