Das Dasein

Ich überlege, wie man das Dasein, was ich gerade führe, nennen könnte. Und ich bin – ich muss es gestehen – auf den Ausdruck „Rentnerdasein“ gekommen. Aber durchaus mit positiver Konnotation. Ich arbeite ja immer noch an der Renovierung des Hauses, nachdem ich mir ausgerechnet habe, dass ich in Berlin mit meinem Job nicht so viel verdiene, wie ich an Handwerkern bezahlen müsste. Also es besitzt durchaus eine gewisse Attraktivität, selbst den Pinsel zu schwingen, als dafür viel Geld zu bezahlen. Sicher geht es nicht so flott und manche Dinge muss ich mir erst aneignen, z.B. habe ich noch nie Wände verputzt, aber – und da sind wir wieder bei dem Rentnerdasein: Ich hab ja Zeit. So erarbeite ich mir Wand für Wand. Und wenn’s mal nicht so gerade ist, lass ich eben Fünfe mal gerade sein. Und außerdem sieht selbst die von Profis verputzte Decke aus wie eine Hügellandschaft. Altbauten sind ja dafür bekannt, dass da selten etwas wirklich gerade ist.

Aber auch aus einem anderen Grund geht die Arbeit nicht so flott: Denn morgens weckt mich erstmal meine Freundin Lotta mit einem dahingehauchtenkrähten „Domimick!“ und sie hat auch mittlerweile ihren Respekt vor der geschlossenen Bauwagentür abgelegt, die ja andeutet, dass ich noch im Bett liege und kommt fröhlich hereinspaziert. Dann reißt sie sich erstmal die Kleider und die Windel vom Leib, und will Milchschaum haben. Das war’s dann mit der Morgenruhe, dann wird erstmal Milchschaum gequirlt und Kaffee gekocht.

Normalerweise möchte das kleine Mädchen dann Blumen gießen. Zumindest gibt sie es vor, denn in Wahrheit hat sie viel größeren Spaß daran, mich nasszuspritzen.

Deswegen lautet meine Antwort auf ihre Bitte, ihr doch das Wasser zu reichen: „Nein.“ Aber dann – und erzähle mir keiner, dass die weiblichen Überzeugungskünste, umgangssprachlich auch „um den Finger wickeln“ genannt, lediglich anerzogen wären – legt sie den Kopf schief, bis auf die Schulter, schaut mich also von schräg unten mit ihren großen Augen an, spitzt ihre Lippen und wispert: „Lotta will Blumen gießen…“ Klimper, klimper. Tja, wer kann da schon widerstehen? Ich jedenfalls nicht.

Gut, dann gibt’s eine Wasserschlacht, ich bewege mich eh zu wenig, da kann ich auch mal ruhig vor einem wasserspritzenden Mädchen davon laufen. Was allerdings nicht immer klappt, denn so groß ist Garten nicht, und so ein Wasserstrahl hat eine große Reichweite… Aber ich werde mich rächen! (Nur verpufft meine Rache, denn wenn das Wasser sie trifft, kreischt sie vor Freude…).

Aber irgendwann ruft ja dann die Mutter zur mittäglichen Mahlzeitaufnahme und ich kann mich meiner eigentlichen Aufgabe widmen.

Wenn nichts dazwischenkomt.

Dann das Schöne ist ja, dass man so herrlich vom Hölzken aufs Stöcksken kommen kann. Und so fehlt dann doch an dieser Tür eine blaue Umrahmung, jene Tür braucht einen neuen Anstrich und sowieso wollte ich ja alle Rohre farbig streichen, die Gasrohre gelb, Kaltwasserrohre blau und Warmwasserrohre rot. Der Abfluß in der Waschküche müsste mal wieder sauber gemacht werden, eine Klingel muss auch in den Keller installiert werden, sonst höre ich am Ende den Pizzaboten nicht schellen. Das Hauptabflußrohr muss sowieso abgedichtet, das Rückstauventil eingebaut werden, es gibt ja immer mehr Starkregen, der den Keller unter Wasser setzt, viel mehr Gewitter als früher gibt es auch, da erhöht man doch besser den Blitzschutz, denn der Antennenmast streckt sich doch bedrohlich dem Himmel entgegen… Da muss man lange im Internet suchen, bis man die neueste Vorschrift und das günstigste Kabel gefunden hat. Und schon ist der Tag rum…

Aber die beste Idee hatte ich ja neulich. Zugegeben, es war nicht wirklich nötig, aber was ist schon wirklich nötig? Es ging um die Lichterkette. Die Lichterkettensituation war gut, aber suboptimal.

Mit der alten Lichterkette gab es ein Problem: Wenn ich abends in meinem Bauwagen an meinem Schreibtisch saß und es mir nett gemacht hatte, wollte ich auch, dass es draußen nett bunt ist. Aber ich sah immer nur zwei (!!) von 20 bunten Birnchen.

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Es musste eine Lösung her. Und als ich dann ein Lichterkettensonderangebot erblickte, packte ich die Gelegenheit beim Schopf: Eine weitere Lichterkette. Die platzierte ich in einer optimalen Entfernung vom Bauwagen, so dass ich statt zwei bunten Birnen jetzt 10 bunte Birnen sehen kann.

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Ihr seht also, dass ich auf einem guten Weg bin und mir schon 10 bunte Birnchen und ein wasserspritzendes Kind zum Glücklichsein ausreichen.

Aber das mit der Klingel möchte ich doch noch etwas ausführen. Denn es ist ja nicht damit getan, eine Klingel zu kaufen, man muss sie ja auch anschließen. An zwei Drähte. Blöd, wenn man gefühlte tausend Drähte zur Auswahl hat. Und da ich die Klingelanlage vor 30 Jahren installiert habe, ist mir leider entfallen, welche zwei Drähte das waren. Folgende habe ich zur Auswahl:

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Also habe ich erstmal jeden Kabelverlauf verfolgt und jede Ader identifiziert. So ganz habe ich es nicht geschafft, denn manche Kabel verschwanden einfach in der Wand. Aber ich bin ja pfiffig und habe erstmal einen Schaltplan gemalt:

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Und mit dem Schaltplan des Herstellers der Sprechanlage

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bin ich doch der Sache ein gehöriges Stück näher gekommen. Und siehe da: Es ist alles ganz einfach. Man muss nur wissen, wie es geht. (Das war jetzt nicht nur klingeltechnisch gemeint, das war schon philosophisch). Und bei der ausführlichen Beschreibung meiner Lichterketten- und Klingelproblematik fällt mir wieder Estragon aus „Warten auf Godot“ ein, der sich bei seinem Gefährten Vladimir versichert: „Nicht wahr, Didi, wir finden einfach immer etwas, um uns einzureden, dass wir existieren…“ – „On trouve toujours quelque chose, hein, Didi, pur nous donner l’impression d’exister…“

Deswegen werde ich mich jetzt mal wieder aufmachen und Klingeldrähte identifizieren. Sonst krieg ich am Ende noch une crise existentielle…

Seid gegrüßt!

P.S.: Auf dem Weg zum Kellerklo hing ein kleines Spinnchen so rum und ließ seine Fäden im Wind fliegen, auf das sie sich irgendwo verfingen und sie sich ihr Netz bauen könne…

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Kommentare

2 Kommentare zu „Das Dasein“

  1. Avatar von iljos

    Ich liebe deine lebendigen Schilderungen, Dominique ! Weiter so !

    1. Avatar von DomEcke

      Danke schön, ja, immer weiter!!

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